Madame cover dt ebook neu kl
Der erste Band aus der Serie:
Bonjour Paradies

Madame hat andere Pläne

Ein humorvoller Feel-Good-Roman aus dem Perigord

Niemand, am wenigsten Debbie selber, hätte jemals geahnt, was für Kräfte in ihr stecken – wäre sie nicht aus ihrem ehelichen Tiefschlaf gerissen worden. Leider nicht vom heißen Kuss eines Prinzen, sondern durch Bobs eiskalte Enthüllung: Ich liebe eine andere und ja: Sie ist jünger. Und das nach siebenunddreißig Ehejahren. Unter Schock setzt sich Debbie ins Auto und fährt los, Richtung Frankreich. Sie hat ein Bild vor Augen: Stockrosen und türkise Fensterläden, irgendwo im Périgord. Kaum angekommen, pfeift eine Kugel an ihrem Kopf vorbei. Ein Zufall? Welches Geheimnis verbirgt Muriel, ihre seltsame Nachbarin? Und kein Gedanke an eine neue Liebe! Gibt es so etwas überhaupt noch in ihrem Alter? Wunderbar weiche Knie – die nichts mit Arthrose zu tun haben?

LESEPROBE:  

Erschienen als

Taschenbuch
oder als

  kindle ebook  

WARNUNG

Wenn ich einmal alt bin,

werde ich lila tragen,

mit einem roten Hut,

der nicht dazu passt

und mir nicht steht.

Ich werde mich auf den Bürgersteig setzen,

wenn ich müde bin

und Gratisproben in den Geschäften verschlingen

und Alarmknöpfe drücken

und meinen Stock an öffentlichen Geländern entlangrattern lassen

...

Aber vielleicht sollte ich jetzt schon ein wenig üben?

Damit die Menschen, die mich kennen, nicht allzu schockiert und überrascht sind,

wenn ich plötzlich alt bin

und anfange, lila zu tragen.

 

(Auszug aus Jenny Joseph: Warning)

1. Stockflecken und Schaumflocken

»Ich kann nicht glauben, dass ich das bin«, sagte Debbie laut, obwohl sie alleine im Auto saß. Seit Stunden lenkte sie ihren Wagen unbeirrt Richtung Süden, als hätte sie eine präzise Vorstellung, wohin sie wollte. Doch nichts lag entfernter von der Wahrheit als dieses.

Ihr Mobiltelefon summte. Automatisch nahm sie an und bereute es im selben Augenblick. Es war Susan.

»Wo bist du?«

»Im Auto.«

»Wo? Sprich lauter! Ich versteh' dich kaum.«

»Im Auto!«, rief Debbie und dehnte das ›au‹.

»Das habe ich begriffen. Ich will wissen, wo du mit deinem Auto bist.«

»In Frankreich!«

»Wo?«

Debbie war sich sicher, dass Susan sie genau verstanden hatte, wiederholte aber trotzdem: »Frankreich«, und hielt vorsichtshalber ihr Telefon weg vom Ohr. Der Empfang war nämlich ausgezeichnet und unglücklicherweise hörte sie jedes Wort so deutlich, als säße Susan in all ihrer fülligen Herrlichkeit direkt hinter ihr auf dem Rücksitz.

»Was um Gottes willen soll das?«, rief die Stimme klar vernehmbar auch mit einer Armlänge Abstand.

Debbie wollte nicht darüber reden. Mit niemandem, auch nicht mit Susan, der sie auf dem Anrufbeantworter mitgeteilt hatte, dass sie für einige Zeit verreisen würde. Susan hatte ein Gespür für wunde Punkte. Und richtig:

»Frankreich also! Und was willst du dort? Damit löst du nichts.«

»Das weiß ich. Darum geht es auch nicht.«

»Ach nein?« Susan machte eine Pause. »Und wo willst du hin? Du kennst doch niemanden dort.«

»Wie bitte? Was hast du gesagt?«

»Das ist verrückt! Man kann nicht vor seinen Problemen fliehen. Das weiß doch jedes Kind.«

»Susan? Ich versteh' dich nicht.«

»Deborah, komm zurück! Du kannst doch mit mir über alles reden.«

»Susan? Susan? Tut mir leid. Ich habe keinen Empfang mehr. Susan? Ich melde mich«, rief Debbie und tippte auf ›Auflegen‹.

Deborah! Bei ›Deborah‹ stellten sich bei Debbie die Nackenhaare auf. Noch steiler, wenn Susan die Übermutter herauskehrte und sie wie ein Kleinkind behandelte, das nicht bis drei zählen konnte. Möglicherweise lag das daran, dass Susan viermal die Woche ihre beiden Enkelkinder hütete. Als wenn Debbie nicht selbst genau wüsste, dass ihr Handeln rational nicht zu rechtfertigen war und man so Probleme nicht lösen konnte. Was Susan allerdings nicht wusste und auch nicht von Debbie erfahren würde, war, dass sie ein klares Ziel vor Augen hatte, gestochen scharf wie eine Postkarte: ein altes Steinhaus mit türkisfarbenen Fensterläden, davor tiefdunkelrote Stockrosen. In einem Dorf, dessen Namen sie nicht kannte, irgendwo im Périgord. Wie willst du es finden, warum dahin, warum überhaupt? Debbie klangen schon die Fragen im Ohr, die Susan unvermeidlich stellen würde. Fragen, deren Antworten sie selbst brennend interessierten.

Per Zufall hatte sie das Haus entdeckt. Vor zwei Jahren, auf ihrer letzten Reise mit Bob. Das Navi lotste sie seit Stunden kreuz und quer durch die Landschaft. Anfänglich waren es gut ausgebaute Fernstraßen, dann wurden sie schmaler und schmaler und schließlich holperten sie über bucklige Landstraßen und Feldwege, zuweilen nicht komfortabler als eine Ackerfurche.

»Das ist wie verhext«, brummte Bob. »Ich glaube, wir fahren im Kreis. Ein Ort sieht aus wie der andere.«

»Aber hübsch, oder?« Debbie verkniff sich ein Grinsen. »Ist wie das Treppenhaus bei Harry Potter, wo sich ständig die Treppen verschieben. Man weiß nie, auf welchem Stockwerk man landet. Wer weiß, auf was wir hier stoßen werden?«

»Auf weitere hundert Schlaglöcher nehm' ich an.«

»Sei doch nicht so negativ! Überraschungen sind doch wie das Salz in der Suppe.«

»Eher wie Salz in den Augen.«

Debbie sah Bob von der Seite an. War die Komik beabsichtigt? Doch seine Augen blieben grimmig auf den Weg geheftet. »Wär' schön, wenn ich von dir mal einen vernünftigen Vorschlag zu hören bekäme.«

»Wenn ich alt bin, trage ich lila«, gab Debbie patzig zurück. »Und esse drei Pfund Würstchen auf einen Schlag.«

»Dieses Gedicht wieder«, stöhnte Bob. »Außerdem wird es bald dunkel. Dann sehen wir sowieso nichts mehr.«

Das Dorf mit ihrem Haus, wie sie es nannte, war das xte zauberhafte Dorf, durch welches sie das Navi führte. Stockrosen in jedem Garten, auf dem Kirchplatz, am Straßenrand: weiße, dunkelrote, fast schwarze und dazwischen jeder vorstellbare Rosaton, angelehnt an schiefe Hauswände. Meterhoch und höher wuchsen die Blumen im Wettstreit mit den alten Mauern. Manchmal schaukelten sie leicht im Wind, als wollten sie den Himmel kitzeln. »Sollen wir aussteigen und etwas rumbummeln?«

»Warum das denn? Gibt’s was zu sehen? Ich weiß nicht, was los ist. Das Navi spinnt.« Er hielt vor ein paar verwitterten Schildern. »Was sollen diese Namen? St.Eulalie d'Eymet, Flaugeac, Mescoules, Sigoulès? Die kennt doch kein Mensch! Da kann man sich die Schilder auch gleich sparen!«

»Meinst du denn, die stellen hier mitten auf dem Land Schilder auf mit ›Bordeaux‹ und ›Paris‹?«

»Spar' dir deinen Zynismus! Sonst darfst du zur Abwechslung mal den Chauffeur spielen«, schnappte er, machte aber keinerlei Anstalten anzuhalten, um sie ans Steuer zu lassen.

»Schau mal, da vorne sind Menschen!«

»Schön«, sagte er trocken.

In der Mitte des Dorfes lag ein von Platanen umsäumter Platz, auf dem einige Boule spielten. Durch die geschlossenen Autofenster drang gedämpftes Gelächter. Debbie ließ das Fenster herunter, obwohl Bob es nicht schätzte. Wegen der Klimaanlage, weil das kontraproduktiv sei. Einer der Spieler, sichtlich stolz auf seinen letzten Wurf, klopfte aufmunternd einem Gegner auf die Schulter und rief in perfektem Englisch: »Ein toller Schuss. Davon kannst du nur träumen.« Die Erwiderung konnte Debbie nicht verstehen. Sie waren schon vorbeigefahren. »Wir hätten sie nach dem Weg fragen können. Und sieh mal, das Haus mit den Stockrosen!«

»Ganz was Neues.« Bob bremste scharf.

Debbie rutschte auf ihrem Sitz ein Stück nach vorne und wieder nach hinten, als er ein paar Meter zurücksetzte. Sie standen vor einer Batterie von properen Straßenschildern.

»Bergerac! Endlich etwas Brauchbares.«

Debbie presste die Nase gegen die Autoscheibe und starrte auf das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Helle Natursteine, leuchtend türkisfarbene Fensterläden. »Türkis!«, murmelte sie. Das ist wie Sonne, Meer, der erste Urlaub als Kind mit Eis am Stil. Wie das Knacken der Schokolade, wenn sie in großen Splittern wegbricht, am schmelzenden Eis entlangrutscht und mit etwas Glück am Stiel einen Moment lang haften bleibt, bis sie endgültig abstürzt. Es sei denn, man fängt sie in letzter Sekunde geschickt mit der Zunge oder den Händen, bevor sie auf dem meist weißen T-Shirt landet oder schlimmer noch: auf dem Fußboden. Sie war süchtig nach dieser süß-bitteren Köstlichkeit. Verbot es sich aber strikt. Es war unvernünftig. Denn Schokoeis wanderte kurz in den Bauch, dann umgehend auf die Hüften, wo es blieb, nicht schmolz, auch nicht bei hohen Temperaturen.

Debbies Telefon summte. Sie schaltete es aus. Wahrscheinlich Susan. Später würde sie sagen, dass sie in einem Funkloch gewesen sei. Sie hatte die Loire erreicht. Ihr fiel ein, dass sie keine Nachricht für Bob hinterlassen hatte. Sie hätte einen Brief schreiben können oder zumindest einen Satz. Zum Beispiel so etwas wie: Hol dich der Teufel! Das hätte sie schreiben können. Schade. Daran hatte sie nicht gedacht. Nicht verwunderlich. Sie hatte ihre Reise nicht geplant. Sie konnte nicht sagen, warum sie plötzlich aufgebrochen war. Ob es dieser Kloß im Hals gewesen war, der ihr wie ein Geschwür die Kehle zuschnürte? Oder so etwas Profanes wie die Anzeige eines Touristikunternehmens, auf der ein bärtiger Backpacker vor einem verschneiten Hochgebirge stolz in die Kamera blickte.

Sie räumte gerade das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine, als sie mitten in der Bewegung innehielt. Sie stellte die schmutzige Kaffeetasse zurück auf den Küchentisch, ging in das Schlafzimmer und zog zwei Koffer unter dem Bett hervor. Wahllos griff sie Sachen. Aus dem Kleiderschrank, dann aus der Speisekammer. Bemerkte verschwommen, während sie Dosenbohnen und Kichererbsen einpackte, was für ein Unsinn das war, stellte aber nichts zurück. Aus der Küche den Wasserkocher, den neuen Turbomixer, zwei Stühle, die im Korridor standen. Im Badezimmer nahm sie die noch feuchte Wäsche von der Leine und warf sie in einen Korb. Sie dachte an Stockflecken, ohne dass es sie davon abgehalten hätte, den Korb ins Auto zu tragen. Beiläufig füllte sie eine Plastiktüte mit Büchern. Als der kleine Renault bis unters Dach gefüllt war, nahm sie ihre Handtasche und kontrollierte, ob sie Pass, Geld, Kreditkarte, Telefonadapter und Führerschein eingesteckt hatte und fuhr los Richtung Küste.

Keine Erinnerung hatte sie mehr daran, wie sie bis zum Hafen und auf die Fähre gekommen war. Erst auf dem Schiff wachte sie auf wie aus einem Traum. Sie lehnte über der Reling und starrte auf die meterhohen Wellen, die gegen die Schiffswand schlugen. Sie spürte Gischtflocken auf der Stirn, schmeckte die salzige Luft. Sie streckte die Hände aus, um den Schaum zu fangen. Nur ein Bein über die Reling heben und sich fallen lassen. Mehr nicht. Eintauchen in die brausende Kühle. Keiner würde es bemerken. Und was, wenn Bob versucht hatte, sie zu erreichen? Abrupt richtete sie sich auf und griff nach dem Handy. Weil er ihr sagen wollte, dass alles ein schrecklicher Irrtum gewesen sei? Nichts! Natürlich nichts. Kein Anruf. Aber vielleicht wollte er mit ihr persönlich sprechen? Wartete auf sie zu Hause mit einer Flasche Wein und Rosen? Sie verzog das Gesicht. Wein: Ja! Rosen: Nein! Mach dir nichts vor, Debbie. Er wird nicht zurückkommen. Mag sein, dass er eines Tages seine Entscheidung bereuen wird. So in zehn, zwanzig Jahren. Aber womöglich auch dann nicht. Debbie betrachtete eine Zeitlang den Küstenstreifen, der schmaler wurde und sich schließlich zwischen Wasser und Himmel auflöste, als gäbe es kein Land, keinen Himmel, kein Meer, nur endloses Grau. Sie fühlte das Schaukeln des Schiffs. Ihr wurde übel. Sie ging unter Deck. Was falsch war, das wusste sie, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass sie dort besser aufgehoben wäre.

Zwanzig Kilometer bis Poitiers. Das Benzin würde noch zweihundert Kilometer reichen. Keine Pause. Was war, wenn die Stockrosen nicht mehr blühten? Jetzt im August? Was wusste sie über Stockrosen? Was wusste sie überhaupt von diesem Land? Sie hatten ein paar Kurztrips nach Frankreich unternommen. Mochten Franzosen Engländer überhaupt? Besonders jetzt nach dem Brexit? Und was war mit dem Hundertjährigen Krieg? Der alten Rivalität? Womöglich beging sie gerade den größten Fehler ihres Lebens. Sie war jetzt zweiundsechzig, eine geschiedene Frau, fast geschieden, korrigierte sie sich, mit einer lächerlichen Rente, die mutterseelenallein in einem fremden Land umherfuhr, dessen Sprache sie ungenügend beherrschte, auf der Suche nach einem Haus mit türkisen Fensterläden und Stockrosen. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie die nächste Nacht, geschweige denn die nächsten Nächte verbringen würde. Sie schwitzte. Ihre Hände klebten am Lenkrad. Bei Limoges verließ sie die Hauptstraße und bog in einen Rastplatz ein. Sie trank einen Espresso und tankte. Und fuhr weiter.

2. Schmelzpunkte

»In zwei Wochen! Dann sieht es hier anders aus. Ende September schließen wir aber«, sagte der Betreiber des Campingplatzes und wandte sich wieder dem Fahrer eines nagelneuen XXL-Wohnmobils zu.

»Dabei hatten wir ausdrücklich um viel Schatten gebeten«, beschwerte sich die dazugehörige Gattin. »Sehen Sie sich doch dieses Mickerbäumchen an.«

»Sieht doch wunderschön aus Ihr Platz! Ganz am Rand gelegen. Was für ein Glück Sie haben«, seufzte Debbie.

»Glück? Nee, mit Glück hat das nichts zu tun. Mein Mann hat schon voriges Jahr von England aus reserviert. Im August muss man das. Wir planen immer weit im voraus.« Es folgten noch ein paar unverständliche Worte. War das Französisch? Sollte das ›au revoir‹ heißen? »Und viel Glück,« rief die Frau, während sie dem Campingwagen hinterhereilte.

Debbie trottete zurück zum Auto und überlegte, ob die letzten Worte sarkastisch gemeint waren oder einfach nur so dahingesagt. Sie gähnte laut, obwohl es erst Nachmittag war. Kein Wunder. Sie hatte die Nacht in einem Einsterne-Hotel verbracht und sich von dem klingenden Namen ›Belle vue‹ verleiten lassen. Hatte sie gehofft, dass sich nach hinten hinaus ein Park mit einem mäandernden Bächlein anschließen würde? Sie hatte die Wahl gehabt: zum Hof hin mit dem Blick auf eine Spedition oder nach vorne hinaus zur Schnellstraße. Sie hatte sich für die Spedition entschieden. Pünktlich um fünf Uhr wurden die LKWs beladen. Nur mit Mühe hielt sie jetzt die Augen offen und befürchtete, jeden Moment auf ihrem Autositz einzuschlafen. Der Campingplatz in Eymet war ihre letzte Hoffnung gewesen. Zwischen hier und Bergerac hatte sie in gefühlt eintausend Pensionen nach einem Zimmer gefragt. Und die ganze Zeit hatte die Sonne auf das Auto heruntergebrannt, als wollte sie ihren Kangoo einschmelzen – und Debbie gleich mit. Sie riss die Augen auf und warf einen Blick in den Rückspiegel – was ein Fehler war: Ihre Haare hingen strähnig ins Gesicht und die Lider waren aufgequollen, als hätte sie mehrere Nächte durchgefeiert. »Eventuell gibt es jemanden hinter sieben Bergen, der noch furchtbarer aussieht als du«, flüsterte der Spiegel eiskalt. Sie untersuchte, ob er sich abschrauben ließe. Auch das nicht. Sie drehte ihn zur Seite. Sie musste nachdenken, auch mit schweren Lidern, sonst würde sie die nächste Nacht unter freiem Himmel schlafen oder zusammengekrümmt auf dem Vordersitz. Hatte der Mann vom Camping nicht vorhin noch einen anderen Zeltplatz erwähnt? Im nächsten Departement? Wenn sie nur den Namen verstanden hätte. Der Mann lotste immer noch den Caravan durch die engen Gassen aus Wohnwägen und Zelten. Mit Hilfe der aufgeregten Gattin, die soeben mit einem schrillen »Stop!« ihren Mann anhalten ließ. Das zarte Zweiglein einer Weide hatte das Wohnmobil gestreift. Mit ausgestrecktem Zeigefinger rannte sie zur Stelle und beseitigte mit Finger und Spucke die eingebildete Spur auf dem Lack. Die Miene des ohnehin nur mittelmäßig gelaunten Betreibers verdunkelte sich. Ihn jetzt anzusprechen, wäre unklug. Eine Frau schlenderte mit einem Kosmetikbeutel in der Hand an Debbie vorbei. »Hallo! Darf ich Sie etwas fragen?« Debbie hatte Glück: Die Frau sprach Englisch und sie kannte sich aus: »Puyton!«, sagte sie. »Da könnte noch etwas frei sein. Aber ich glaube, die nehmen nur Buchungen für zwei Wochen an.«

Debbies Navi zeigte zweiundzwanzig Minuten bis Puyton. Gut! Sie würde ihre letzten Kräfte mobilisieren und noch einen Versuch wagen.

Fünf Minuten später drehte sie den Rückspiegel wieder zurück. Wer war der Kretin, der sich diesmal an das Heck ihres Autos gekrallt hatte? Fraglos war ihr schwer beladener Kangoo das langsamste Auto weit und breit. Am Berg ließ er sich selbst mit durchgedrücktem Gaspedal nicht zu mehr als vierzig Stundenkilometern bewegen. Das tat ihr auch leid und sie hätte sich gerne bei ihrem Hintermann dafür entschuldigt und würde auch an den Rand fahren. Aber es gab keine Möglichkeit. Der Fahrer hinter ihr musste jetzt auf seiner Hupe sitzen. Als würde nervtötendes Hupen einen kleinmotorigen Renault in einen Ferrari verwandeln. So sah das auch ihr Kangoo und blieb trotzig ein Vierzylinder. Endlich rauschte ihr Hintermann mit einem langgezogenen Hupton an ihr vorbei. Debbie fixierte den Asphalt vor sich, sah aber trotzdem aus dem Augenwinkel den berühmten Finger in die Höhe schnellen.

»Sie haben keinen Wohnwagen? Wir nehmen keine Zelte«, sagte das Mädchen an der Rezeption dreißig Minuten später in sehr gutem Englisch aber so arrogant, als wäre Debbie eine bettelnde Obdachlose. Und genau so fühlte sie sich auch.

»Nur für eine Nacht. Dahinten! Da ist doch noch Platz! Das stört doch keinen.« Debbie erwähnte nicht, dass sie noch nicht einmal ein Zelt hatte, sondern nur einen Schlafsack.

»Nein, der gehört zum großen Hymer-Caravan.«

»Vermieten Sie denn eventuell auch Caravans?«

»Alle vermietet. Schon im letzten Jahr«, erklärte das Mädchen gelangweilt.

»Und eine Hütte?« Debbie hatte am Rand des Zeltplatzes eine Reihe von Holzbauten erspäht.

»Was meinen Sie mit ›Hütte‹?«

Debbie setzte an, um zu erklären, doch das Mädchen unterbrach sie noch im Luftholen. »Nein, keine Zelte! Keine Caravans und keine - Hütten! Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.«

Debbie war schlecht vor Erschöpfung. Sie würde nach Eymet zurückfahren. Und was dann, fragte sie sich und imitierte im Geist Susans sarkastischen Tonfall: Auf ein Wunder hoffen? Ja, antwortete sie störrisch. Klang Eymet nicht wie ›aimer‹, was ›lieben‹ bedeutete? Das war doch ein gutes Zeichen. Außerdem hatte sich vorhin dort bereits ein kleines Wunder eingestellt. Auf der Suche nach Sandalen in ihrem Kofferraum war sie auf den Schlafsack gestoßen. Nicht im geringsten konnte sie sich daran erinnern, aus welcher Kiste, in welchem Augenblick sie ihn zu Hause hervorgezogen und wann ins Auto gepackt hatte. Ein weiteres Wunder wäre trotzdem höchst willkommen.

»Armes Ding«, sagte einer aus der Gruppe von Landsleuten, die sich neben sie an den Tisch gesetzt hatte. Wieder zurück in Eymet war Debbie den Menschen gefolgt, die alle dasselbe Ziel zu haben schienen. Sie musste ihrem Glück vertrauen, das ihr in letzter Zeit nicht besonders hold gewesen war und sie fand, dass das Glück einiges an ihr gutzumachen habe. So war sie auf dem großen Festplatz gelandet, an dessen Rand der Turm einer mittelalterlichen Burg ohne nennenswerten Erfolg darüber wachte, dass das Treiben nicht allzu bunt würde. Mächtige Bäume spendeten Schatten, was sogar am frühen Abend noch eine Wohltat war. Viele Bänke waren noch frei.

»Aber warten Sie mal ab«, sagte ihr Tischnachbar, »in zwei Stunden finden Sie hier keinen Platz mehr. Und wenn dann erst die Musik spielt, dann geht hier die Post ab.«

Debbie streckte ihre Beine von sich, war froh, dass die Post noch da war – sie hasste diesen Ausdruck – und genoss die leichte Abendbrise. »Ich werde einfach im Auto schlafen«, meinte sie und versuchte, heiter zu klingen – und nicht wie ein armes Ding.

»Kann gut sein, dass Ihnen wirklich nichts anderes übrig bleibt. Um diese Zeit findet man kein freies Zimmer mehr«, sagte der Mann. »Die Nachfrage ist enorm.«

»Stimmt«, sagte seine Frau. »Wir haben unser Haus auch vermietet. Unser Bett steht zur Zeit in der Gartenkammer.«

»Extrem ungemütlich. Kann ich keinem empfehlen. Aber für das Geld!« Der Mann kniepte Debbie vielsagend zu.

»Ja, sicher«, bestätigte Debbie enthusiastisch und hätte im Moment ihr letztes Hemd für diese Gartenkammer gegeben.

»Wir lassen alles im Haus. Seit zehn Jahren haben wir immer die gleichen Mieter. Die sind ordentlicher als wir«, fuhr der Mann fort.

»Na, jetzt übertreib' mal nicht! Aber das hilft Ihnen jetzt auch nicht weiter«, wandte sich die Frau wieder an Debbie. »Haben Sie es denn schon im Lot et Garonne probiert?«

»Im nächsten Departement? Da komme ich gerade her. Ich habe auf dem Campingplatz nachgefragt. Aussichtslos!«

»Ich geh' uns etwas zum Essen holen«, sagte der Mann nach einer kurzen Pause und erhob sich zusammen mit zwei Tischnachbarn. Debbie zögerte kurz, stand dann ebenfalls auf. »Ich schau' mich auch mal um. Könnten Sie auf meine Sachen aufpassen?« Sie zeigte auf den kleinen Rucksack und die Jacke, die neben ihr auf der Bank lagen.

»Aber gerne. Im Übrigen: Sehr zu empfehlen ist die Entenbrust«, sagte die Frau.

»Ja?«, fragte Debbie zweifelnd. Fette Ente?

»Wir nehmen die immer. Vom Grill mit Bratkartoffeln.«

»Mit Bratkartoffeln?«

»Ja! Die werden hier in Enten- oder Gänseschmalz gebraten. Ein Gedicht.«

»Toll!«, sagte Debbie und hörte ihren Magen protestieren.

»Mit tonnenweise Knoblauch«, rief die Frau hinterher, in dem sicheren Bewusstsein, damit ein letztes, unschlagbares Argument vorgebracht zu haben.

Langsam begann der Nachtmarkt sich zu füllen. Von allen Seiten strömten Menschen herbei: einzelne, Paare, Gruppen, Alte, Junge, Kinder. Manche steuerten in stiller Übereinkunft auf einen bestimmten Tisch zu, als hätten sie ihn für sich im Geiste schon vor langer Zeit reserviert, andere waren in ein Gespräch vertieft und ließen sich wie zufällig irgendwo nieder. Man winkte, lief aufeinander zu, drückte Küsse zur Begrüßung auf vor Aufregung gerötete Wangen, redete laut, lachte. Sie stand am Rande des Markts, dort wo die Verkaufsstände aufgebaut waren. Wo waren diese fetten Enten? Sie könnte sie sich immerhin einmal anschauen. Hatte sie überhaupt etwas gegessen seit dem Croissant heute Morgen? Sie konnte sich nicht mehr erinnern, nur daran, dass sie literweise Wasser in sich hineingeschüttet hatte. Es roch asiatisch. 'Curry rouge' las sie. Ein asiatisch aussehender junger Mann kippte Kokosmilch in eine Pfanne. Thailändisch aß sie für ihr Leben gern. Und besonders roten Curry. Doch eigentlich hatte sie Appetit auf etwas Französisches, zumal diese Gegend berühmt war für ihre gute Küche. Am Stand nebenan roch es nach Vanille. Ein Mann in weißer Schürze sortierte runde Obsttörtchen. Bei einem Apfeltörtchen quoll die Vanillecreme unter den Apfelscheiben hervor und über den Rand. Debbie fühlte den unwiderstehlichen Impuls, mit dem Finger am Rand entlangzufahren und die Creme abzulecken. Sollte sie direkt mit dem Nachtisch beginnen?

»Pardon«, sagte ein Mann, der sie im Vorübergehen gestreift hatte. Sie fing ein freundliches, entschuldigendes Lächeln auf und lächelte unbeholfen zurück. Was hieß, ›macht nichts‹ auf Französisch?

»Sie können sich wohl auch nicht entscheiden?«

Eine Frau, ungefähr in ihrem Alter hatte sich zu ihr gesellt. Dem Akzent nach auch eine Engländerin. Yorkshire, vermutete Debbie. »Ich könnte alles essen. Jetzt, sofort«, antwortete sie.

»Geht mir genauso. Aber ich sollte es zumindest noch ein wenig aushalten, am besten den ganzen Abend«, lachte die Fremde herzhaft und tätschelte ihren Bauch, »und besser morgen auch noch.«

Die Frau strahlte Energie und gute Laune aus. Die Haare waren wie Debbies blond gefärbt und leuchteten golden im Kontrast zu ihrer braunen Haut. Jemand, der sich mal keine Sorgen um Falten und Hautkrebs machte.

»Haben Sie doch gar nicht nötig. Sie sind doch schlank.«

»Genau das will man hören«, lachte die Frau. »Außerdem stehen Hungerhaken sowieso nicht hoch im Kurs. Also sollten wir strengstens darauf achten, unsere Figur zu halten.«

»Und zuschlagen«, lachte Debbie.

»Sind Sie zum ersten Mal hier?«

»Gerade erst angekommen. Vor einer Stunde.«

»Alleine?«

»Yep.«

»Mögen Sie Weinbergschnecken? Mit Knoblauchbutter und frischem Baguette?«

Debbie zuckte lächelnd mit den Schultern.

»Oder frischen Obstsalat in Melone? Hmmmh?«

»Oder ein Eclair? Ein Schoko-Eclair?« Debbie warf einen sehnsüchtigen Blick auf das mit Schokocreme gefüllte und mit Schokoglasur überzogene Gebäck, das der Bäcker soeben vorsichtig Stück für Stück aus einem Karton hob.

»Auf jeden Fall. Sind doch winzig. Dafür ist immer noch Platz. Sollen wir zusammen noch ein bisschen schauen? Das ist nämlich noch längst nicht alles. Nennt sich nicht umsonst: ›marché gourmand‹ – Schlemmermarkt.«

»Gerne! Aber halte ich Sie nicht auf?«

»Ach was! Wir sind doch hier nicht auf einem Geschäftsessen«, antwortete die Frau vergnügt, fasste sie am Arm und zog sie mit sich. Sie zeigte ihr den Stand mit den Weinbergschnecken, die Debbie misstrauisch begutachtete, obwohl sie phantastisch rochen. Nebenan buken Hausfrauen Crêpes, bestrichen sie mit Butter, streuten feinen Zucker darüber und schlugen jeweils sechs Stück in eine Serviette ein. Je mehr sie entdeckte, desto schwieriger fand sie es, eine Entscheidung zu treffen, die sie nicht sofort wieder bereuen würde. Die ganze Zeit über unterhielten sie sich so angeregt, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Debbie wunderte sich über sich selbst. Die Frau kaufte Rotwein. »Dieser hier ist der beste, finden mein Mann und ich. Sollten Sie auch probieren.«

»Für mich alleine ist eine Flasche zu viel.«

»Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen. Es findet sich immer einer, der Ihnen gerne dabei hilft«, zwinkerte die Frau ihr zu. »Ihr Mann ist zu Hause geblieben? Schade! Wenn der wüsste, was er verpasst. Ach, entschuldigen Sie bitte. Ich bin indiskret.«

»Nein, das ist kein Problem. Mein Mann ist in der Tat zu Hause. In England. Wir lassen uns gerade scheiden.« Debbie schluckte. Es war das erste Mal, dass sie es ausgesprochen hatte. Es klang fremd. Als würden diese Worte sie nicht betreffen.

»Und läuft die Scheidung schon seit längerem?«

Debbie schüttelte den Kopf. »Fängt gerade erst an. Vor einer Woche hat er es mir mitgeteilt.«

»Uih! Dann ist die Wunde noch ganz frisch. Eine andere Frau?«

Debbie nickte.

»Jünger?«

»Zwanzig Jahre«, würgte Debbie hervor.

»Jetzt holen wir uns etwas zu essen«, sagte die Frau und zog Debbie in die längste Schlange auf dem Markt.

»Gute Idee.« Debbie war froh, dass sie das Thema fallen ließ. Vielleicht hatte sie Debbies glasige Augen bemerkt.

»Übrigens ich heiße Penny.«

»Debbie.«

»Ist dein Französisch gut?«

Debbie zögerte. »Es geht. Nicht besonders.«

»Dann lass mich das machen.«

»Du sitzt natürlich bei uns.« Penny drückte ihr zehn Minuten später zwei Teller in die Hand. Auf jedem Teller eine krosse Entenbrust und ein Berg Bratkartoffeln. »Das heißt natürlich nur, wenn du willst.«

Ein würziger Duft von gegrilltem Fleisch, Zwiebeln und Knoblauch breitete sich unter Debbies Nase aus. »Furchtbar gerne«, sagte sie und musste aufpassen, dass nicht ein bisschen Spucke auf das Essen tropfte. Vorsichtig balancierten sie die Teller durch die Menschenmenge.

»Ganz schön riskant.« Debbie zeigte mit dem Kinn auf die Flasche unter Pennys Arm.

»Keine Sorge. Riskanter wird es, wenn dein zweiter Kleiderträger auch noch rutscht«, sagte Penny und wies mit einem Teller auf Debbies entblößte linke Schulter, die nur noch der verwaschen rosafarbene Träger ihres BHs schmückte.

Debbie seufzte. Warum ließ sie ihre besten Sachen im Schrank vergammeln, bis sie schließlich aus der Mode waren oder nicht mehr passten. Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, sich vom Prinzip des Auftragens zu verabschieden. Sollte sie sich eines Tages in die Kiste legen mit zehn nagelneuen, schwarzen und edelgrauen Spitzen-BHs? »Ich weiß«, jammerte sie und zog die andere Schulter hoch, bemüht, dabei nicht das Essen auf den Boden zu kippen. Hoffentlich blieb so der andere Träger dort sitzen, wo er sollte.

Penny verfolgte lachend ihre Bemühungen. »Würde dir mit Sicherheit eine Menge Verehrer bescheren.«

»Wohl kaum. Das ist doch nur peinlich.« Debbie bemerkte, wie sich auch der zweite Träger trotz verkrampfter Schulter in Bewegung setzte. »Ich muss irgendwo die Teller abstellen!« Verzweifelt sah sie sich um. Doch alle Tische in ihrer näheren Umgebung waren voll bis zum Rand mit Gläsern, Tellern, Flaschen, Küchenrollen, Ellenbogen und eifrig wuselnden Händen. Penny gluckste mittlerweile vor Vergnügen und versuchte mit der Flasche in der Hand, Debbie zu helfen. »Ich könnte es höchstens mit den Zähnen versuchen.« Sie machte Anstalten, Debbie in den Oberarm zu beißen. Debbie bemühte sich, nicht zu lachen. Wenn sie jetzt die Beherrschung verlöre, stünde sie in der nächsten Sekunde in Slip und BH auf dem Festplatz. »Bob würde ausrasten, wenn er das hier mitbekäme.«

»Ja? Ist doch lustig. Wie alt ist er denn?«

»Drei Jahre älter als ich. Und das hier ist nicht lustig«, sagte Debbie mit Panik in der Stimme.

»Also voll in der Midlife-Crisis.«

»Was? Wer? Bob? Penny, tu was, mein Träger!«

»Wer denn sonst?«

»Lass uns nicht über Männer reden! Besonders nicht über Männer zwischen fünfzig und siebzig. Die sind schlimmer als pubertierende Prinzenstängel. Nur nicht mehr so hübsch.«

»Für beides wüsst' ich eine Lösung«, lächelte Penny verschmitzt. »Wenn das Kleid wirklich rutscht, hockst du dich einfach auf den Boden. Dann bist du nah bei deinem Kleid.«

»Ist das komisch!« Debbie wusste nicht, ob sie losprusten oder losheulen sollte. »Und die Lösung für das Thema Männer? Ist die auch so witzig? Erklär mir bloß nicht: warten auf die vierte Runde! Die mit den Achtzigjährigen.«

»Im Gegenteil.«

»Auf einen Jüngeren? Dann aber einen wesentlich jüngeren«, hörte Debbie sich sagen, kicherte, vergaß eine Millisekunde lang rutschende Träger und bereute es im selben Augenblick. Ihr zweiter Träger hatte den entspannten Moment genutzt und glitt ebenfalls nach unten – und – wanderte plötzlich wieder nach oben.

»Einen wesentlich Jüngeren also. Geht’s noch, meine Damen? Irgendwann muss auch mal Schluss sein mit der Emanzipation«, ließ sich hinter ihnen eine belustigte Stimme vernehmen.

Debbie hätte vor Schreck fast die Teller fallen lassen.

»John, mein Mann. Das ist Debbie.«

»Hallo.« Mehr konnte sie nicht sagen, denn schon hatte sich John zu ihr gebeugt und küsste sie rechts und links auf die Wangen.

»Auch hallo.«

Debbie wünschte sich auf einen anderen Planeten. Sie hatte das doch nur so dahin gesagt, das mit den jüngeren Männern. Zu Penny. Weil sie es lustig fand.

»Perfektes Timing, mein Schatz.« Penny drückte ihm einen ihrer Teller in die Hand.

»Sonst hätte es eine Katastrophe gegeben«, sagte Debbie.

»Würde ich nicht so nennen.« Er strahlte sie aus grünen Augen an. Debbie grinste stumm zurück, als hätte sich ihr Kiefer verhakt. Ein attraktiver Mann, irgendwo zwischen fünfzig und siebzig.

»Ganz recht«, sagte Penny. »Debbie war kurz davor, die leckere Ente zu opfern, um ihre Unschuld zu retten.«

»Die Ente? Meine Ente etwa? Oh nein, das wäre in der Tat eine Katastrophe gewesen«, zwinkerte John Debbie zu. »Soll ich dir auch etwas abnehmen? Wäre vielleicht praktisch, eine freie Hand zu haben.« Er heftete seinen Blick auf den zweiten Träger, der immer noch auf ihrem Arm hing. Andererseits: vielleicht auch lieber nicht.« John sah Debbie an, als sei sie gerade mal zwanzig und stolze Besitzerin eines Traumbodys, den sie unnötigerweise unter einem geblümten Hängerchen versteckte. Debbie wollte kein Eclair mehr, sondern einen doppelten Whisky.

Sie hatten ihren Tisch erreicht, an dem schon mindestens zehn Personen saßen, die mit lautem »Hallo« die Verschollenen empfingen. John füllte drei Gläser und schob wie selbstverständlich Debbie ein Glas zu.

Sie zögerte. Auf nüchternen Magen? Nach all der Anstrengung? Das war nicht vernünftig. Auch wenn ihr mindestens nach Whisky zumute war. Doch schon ohne einen Tropfen Alkohol benahm sie sich wie ein Trottel. Bitte Debbie, sagte sie sich, welche deiner letzten Aktionen hatte denn irgendetwas mit Vernunft zu tun? Der Wein lächelte ihr sanft zu. Sie nahm einen Schluck. Nichts Raffiniertes, nichts Ätherisches, sondern kräftig und reich, wie die wärmende Sonne eines späten Herbstnachmittags. So wie sie ihn mochte. Sie spürte, wie ihr Körper weich wurde, ihre Arme und Beine wohlig matt und leicht zugleich, sich schwerelos bewegten. Es war, als würde mit jedem Schluck pures Leben in ihre Adern tropfen. Sie kostete Kartoffeln und Ente und war sich nach dem ersten Bissen sicher, noch nie so etwas Wundervolles gegessen zu haben. Sie unterhielt sich nach rechts und links, tauchte ein in das Lachen, schwang mit, ein wenig, im Takt der Musik. Der Faden der Zeit lockerte sich, als löste jemand den Knoten einer Perlenkette und ließ die Minuten wie Perlen herunterpurzeln - durcheinander, nebeneinander. Debbie hatte kein Gefühl mehr dafür, wie lange sie schon dort saß, wann sie Penny getroffen, sie Guildford verlassen und wann sie sich das letzte Stück Ente in den Mund geschoben hatte. Und immer wieder John. Der ihr Wein und unzählige Blicke schenkte.

 . . .

10 Sturmtief Susan

Das Sturmtief war auf keiner Wetterkarte eingezeichnet, aber es kam und es hieß Susan.

Den ganzen Tag über hatte Debbie auf ein Wunder gehofft, zum Beispiel auf einen Streik der Fluglotsen oder des Bodenpersonals. Es wurde ständig gestreikt. Heute nicht. Der Flieger landete pünktlich. Debbie erkannte Susan sofort an dem leuchtend roten Tuch, das ihr um den Kopf wehte. Ihr voraus eilte ein Dutzend von Geschäftsleuten in hellgrauen und blauen Sommeranzügen, mit winzigen Rollkoffern, in denen eventuell Debbies Kulturbeutel Platz gefunden hätte. Die übrigen Passagiere folgten, die meisten englische Touristen. Der Flug war ausgebucht. Es war immer noch Hochsaison. Susans Ticket konnte nicht billig gewesen sein. Debbie kaute auf der Lippe und versuchte, ihr schlechtes Gewissen über ihre nicht vorhandene Vorfreude herunterzuschlucken. Behäbig stieg Susan die Gangway hinunter, keuchte sichtlich unter ihrem Eigengewicht, blieb stehen und stopfte das Tuch unter den Kragen ihrer weißen Bluse. Im Nu löste es sich wieder und flatterte wie zuvor in alle Richtungen wie eine Warnflagge am Strand.

Debbie entdeckte ihr Spiegelbild in der Fensterfront der Halle und fuhr zusammen: eine alte Frau mit hängenden Mundwinkeln, eingefallenen Schultern, gekrümmtem Rücken. Sie zwang sich zu einem Lächeln und richtete sich gerade. Susan meinte es nett und wollte nur helfen. Wie hatte sie es ausgedrückt? Dafür sind Freunde da. Sie hatte einen liebenswürdigen Empfang verdient. Auch wenn Debbie ihr überdeutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie ohne sie besser zurechtkäme. Susan hatte es nicht gehört. Oder gehört und nicht begriffen. Anscheinend war es unvorstellbar, dass jemand in Debbies Lage nicht jede Hilfe voll Dankbarkeit annahm. Es stimmte: Bobs Enthüllung hatte sie wie ein Blitz getroffen, sie aus ihrem Leben katapultiert in ein schwarzes Loch. Hilfe? Ja vielleicht. Aber keinen Strohhalm aus falschen Hoffnungen und keine Krücken aus tausend Worten und ebenso vielen Ratschlägen mit vorausgehenden Pseudo-Psycho-Analysen, die alle nur ein Ziel hatten: Dass Debbie wieder zurückkehren und die alte Debbie würde...nur ohne Bob. Zugegeben: Es gab diesen Schmerz, wie das Heimweh eines Kindes, das zum ersten Mal von zu Hause weg ist. Doch sie wusste, dass es kein Zurück gab. Egal, was sich ereignen würde, es würde nie mehr so wie früher. Das Alte war verloren und einen Plan für die Zukunft hatte sie nicht.

»Debbie?« Susan schritt durch die Tür der Ankunftshalle und blieb erschöpft stehen.

Debbies Mund verzog sich zu einem Strich. Susan zog einen überdimensionalen Koffer hinter sich her. Hatte Debbie etwas missverstanden? Susan hatte von zwei Tagen gesprochen und nicht von zwei Monaten – oder doch? Susan manövrierte sich und ihren Koffer an einer Gruppe Franzosen vorbei, die neben ihr klein und zart wirkten. Sie entdeckte Debbie, winkte heftig, beschrieb dabei Kreise in der Luft und rief: »Hier! Ich bin hier!« Debbie hatte das Bild eines lassoschwingenden, übergewichtigen Cowgirls vor Augen.

»Debbie, mein Schatz!«

Das Lasso sauste in großen Kreisen auf Debbie zu und schlang sich um sie. Sie wollte heulen, lachte aber. Auch noch, als Susan sie an ihr rotes Tuch presste.

»Liebes, was hast du nur durchgemacht! Keine Sorge! Wir werden das alles wieder hinbiegen.«

»Soll ich deinen Koffer nehmen?« Debbie befreite sich aus der Umarmung und wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Ich bin ja jetzt da! Der Koffer? Oh ja, danke, Liebes!«

Fast wäre Debbie der Griff aus der Hand gerutscht, so schwer war der Koffer. Doch zwei Monate, seufzte sie heimlich.

»Oh, sieh mal! Wie hübsch!«

»Was?« Debbie folgte Susans Blick, konnte aber nichts entdecken.

»Na, der Mann dort! Mit dem Baguette unter'm Arm! Das ist doch wie auf einer Postkarte. So stellt man sich Frankreich vor: Baguette, Croissants, der Pastis auf einer Terrasse, der Rotwein am Abend und im Hintergrund Chansons von Edith Piaf oder Jacques Brel.«

»Ne me quitte pas, verlass mich nicht, zum Beispiel? Genauso einen Song bräuchte ich jetzt«, brummte Debbie in sich hinein und setzte zum zweiten Mal an, den Koffer in das Auto zu hieven.

»Allez, venez milord«, summte Susan und Debbie suchte nach einer Waffe. Liebeslieder, ob melancholisch oder fröhlich, lösten bei ihr zur Zeit heftige Aggressionen aus.

»Oh nein! Eine Ente! Wie in unserer Jugend!«, schwärmte Susan weiter.

Debbie schenkte ihr ein halbes Lächeln. Ein klappriger 2CV Citroën ratterte an ihnen vorbei. Niemals würde Susan in solch ein Fahrzeug steigen. Sie hatte diesen typischen, rosazuckrigen Touristenblick. Sie würde auch verzückt aufkreischen, wenn ihr jemand den abgelutschten Stummel einer Gauloise-Zigarette vor die Füße schnippen würde. Andererseits: besser als alles kritisch auseinanderzupflücken.

»Himmlisch! Und das Wetter! Ein Traum! Perfekt für einen Urlaub! Ich bin ja so gespannt, wie du wohnst.«

»Und du wohnst tatsächlich hier?«, fragte Susan zum dritten Mal. Ungläubig starrte sie auf die Eisenpritsche, auf der Debbie die nächsten Nächte schlafen würde. Das komfortable Bett hatte sie samt Schlafzimmer an Susan abgetreten.