Titel 6 Gänseblü VII hell kl

voraussichtlicher Erscheinungstermin:
November

HUNGERBLÜTEN 
Historischer Roman

Leseprobe

1. Auf Abwegen

Um die Mittagszeit im August des Jahres 1704 katapultierte sich Henri aus dem schützenden Leib der Mutter in die glühende Sommersonne. Und schwieg. Elisabeth, die ihre Arbeit auf dem Feld für die Geburt unterbrochen hatte, erstickte die Tränen und schickte nach dem Pfarrer. Plötzlich schrie der Neugeborene aus Leibeskräften und öffnete die Augen, ein blaues und ein grünes und blinzelte in die Ferne.

Schon von weitem konnte man den Sechzehnjährigen an seiner hochgeschossenen, schlanken Gestalt erkennen, die unablässig in Bewegung war. Gleichtakt war nicht Henris Stärke. Während die anderen Wanderhändler rhythmisch einen Fuß vor den anderen setzten, folgte Henri seinem eigenen Takt. Seine Arme schienen eigenständige Lebewesen, die wie durch einen merkwürdigen Zufall an Henris Schultern befestigt waren. Sie schlenkerten in alle Richtungen, als läge es an ihnen, beständig zu entscheiden, welcher Weg einzuschlagen war. Männlich war dieser Gang nicht zu nennen. Aber das Funkeln in seinem Blick ließ so manche Magd und Bauerntochter in der Arbeit innehalten, um einzutauchen in das Katzengrün und Meerblau seiner Augen.

Henri konnte sich an dieses Starren nicht gewöhnen. „Weiber“, dachte er in solchen Momenten und versah das Wort innerlich mit einem dicken Fragezeichen. Frauenzimmer gehörten für ihn zu den vielen Rätseln des Lebens, die es noch zu lösen galt. Er blies die Locke aus seinem Gesicht, die sich vor seinem Auge kringelte. Einen Lidschlag lang wehte sie wie ein Siegesfähnlein in der Luft und rollte sich dann zurück quer über der Stirn. „Da ist sie ja endlich“, murmelte er, als er hinter einer schneebedeckten Hecke die Abzweigung entdeckte, nach der er schon seit einiger Zeit Ausschau gehalten hatte. Mit schnellem Schritt schlug er den Pfad Richtung Süden ein. „Bis in Hopsten dann“, rief er den Gefährten zu, die ihm bass erstaunt hinterher sahen. „He, das ist der falsche Weg“, rief einer. „Hier geht's lang! Wo willst du denn hin?“ Statt zu antworten, beschleunigte Henri seinen Schritt und hoffte, dass sie ihm nicht nachsetzen würden, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Er fühlte die zornigen Blicke in seinem Rücken, hörte die lauten, eindringlichen Warnungen, wie leichtsinnig und gefährlich das sei. Er fing an zu laufen. Bald waren es nur noch Wortfetzen, die an sein Ohr drangen. Als er genügend Abstand zwischen sich und seine Gefährten gebracht hatte, machte er eine Handbewegung, die  ein Winken sein sollte, doch aussah, als wollte er lediglich ein paar lästige Fliegen vertreiben.

Lächerlich! 'Alte Hasen' nannten sich die Älteren. Hasen? Eher Füße. Hasenfüße! Alte Hasenfüße! Ha! Sie befanden sich hier in der tiefsten, westfälischen Einöde, gerade mal einen Tagesmarsch von ihren Heimatdörfern entfernt. Unwillkürlich holte Henri mit den Armen weit aus, beschrieb große Halbkreise, als könne er Hopsten, Mettingen, Recke und die anderen Dörfer seiner Heimat bereits mit den Händen greifen. Was, heilige Mutter Maria, was sollte hier schon passieren? Er würde einen Tag später als die anderen zu Hause eintreffen, dafür aber mit ein paar Talern mehr in der Tasche. Er stülpte die Unterlippe vor, tastete nach dem Rosenkranz unter seinem Hemd, dem Messer in seiner Jacke und schritt kräftig aus.

. . .  

 

Plötzlich, hinter ihm,  Pferdehufe. Ein Reiter galoppierte in halsbrecherischem Tempo heran. Direkt auf ihn zu. Henri packte seinen Wanderstab fester und ging eine Idee breitbeiniger. Kaum hatte er zehn Schritte getan, hatten Ross und Reiter ihn erreicht. Er hechtete zur Seite. Ein dunkler Umhang und schnaubende Nüstern rasten an ihm vorbei. Gefolgt von einer Wolke aus Schnee und Dreck. Ein Eisklumpen fetzte Henris neue Kappe vom Kopf.

„Sakrament! Mistkerl!“ 

Der Umhang auf vier Hufen galoppierte weiter, als wäre Henri nicht vorhanden.

„He, he!“, rief Henri hinterher. Doch der Reiter verlangsamte sein Tempo keinen Deut.

„Ihr habt etwas verloren!“, brüllte Henri, so laut er konnte.

Der Reiter riss das Pferd herum. Ein Schatten vor der fahlen Sonne. Henri konnte das Gesicht nicht erkennen.

Jetzt kein falsches Wort, warnte ihn eine innere Stimme. Am besten, du hältst den Mund. Demonstrativ klopfte er sich den Dreck von der Kleidung, die, so musste er zugeben, nach der dreimonatigen Wanderung ohnehin fleckig und zerrissen war. Aber das war nicht von Bedeutung. Nicht jetzt. Er hob die Kappe auf und schlug den Schmutz ab. 

„Euren verdammten Dreck habt Ihr verloren!“, schrie er. Du willst Schwierigkeiten? Hier hast du sie, fluchte sein Verstand. Selbst aus der Entfernung spürte er den Blick des Fremden auf sich ruhen: kalt wie der Blick eines hungrigen Wolfes.

Der Unbekannte griff an die Seite, dorthin, wo Edelleute ihren Säbel tragen.

Henris Körper war nur noch ein einziger Muskel, bereit, jeden Moment vorzuschnellen. Oder auch zurück, falls dies ratsamer wäre. Selbst die Sehnen seines Halses zitterten wie zu straff gespannte Drahtseile.

Der Fremde stieß dem Pferd die Sporen in die Seiten und hielt auf ihn zu. Henri schielte nach einem Baum, einem Strauch, irgend etwas, was er zwischen sich und diesen Reiter bringen könnte. Nichts! Nur Moor, Schilf und totes Holz. Er stand mitten auf dem Weg und starrte auf das heranjagende Pferd.  Er konnte es nicht glauben: Statt langsamer wurde es schneller. Im letzten Augenblick rettete er sich mit einem Sprung zur Seite.

Der Reiter riss an den Zügeln. Das Pferd stieg. Vor Henris Kopf trommelten Hufe in der Luft. Er duckte sich weg. Wieder presste der Fremde die Sporen in den Leib des Tieres. Das Pferd galoppierte wild auf der Stelle. Erde und Eis schossen in die Höhe und prasselten auf Henri. Der Reiter lachte laut und stob davon.

Henri hatte vor Wut Tränen in den Augen. Er nahm einen Eisbrocken  und warf ihn hinterher. Doch der Reiter war bereits außer Reichweite und schien es noch nicht einmal zu bemerken.